Ob sich nun Magie aus der Religion oder Religion aus der Magie entwickelt hat, ist einfach zu beantworten: Ursprünglich waren Magie und Religion unzertrennlich miteinander verbunden. Die Hohepriester in den Hochkulturen, die Schamanen in Naturvölkern oder andere religiöse Autoritäten waren zugleich Magier. In den heutigen Stammesreligionen finden wir diese Einheit aus Magie und Religion immer noch, was nicht weiter verwundert. Was viel mehr verwundert ist, dass auch die grossen Religionen, allen voran das Christentum und das Judentum von Magie direkt durchtränkt sind, auch wenn kaum ein Priester oder Rabbi sich dessen heute noch bewusst ist.

 

Der berühmte Davidsstern oder das Kreuz sind beide bedeutend Älter als die Religionen denen sie zugesprochen werden, um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Auch interessant ist, dass sich sehr viele magische Rituale und Praktiken, sowie Abstraktionen magischer Art in den Religionen erhalten konnten. So ist die Praktik des Abendmahls, oder die Taufe und andere Weihungen bei weitem Älter als die modernen Religionen und die meisten Rituale hatten einst magischen Hintergrund und wurden in diesem Wissen ausgeführt. Der Magier kann auch heute noch zahlreiche ihm vertraute Praktiken im Gottesdienst und bei diversen religiösen Veranstaltungen finden. Allerdings ist das magische Hintergrundwissen bei den modernen Klerikern meist gänzlich verschwunden, weshalb dem ernsthaften Magier viele kirchliche Rituale zu recht dilettantisch und sehr amateurhaft erscheinen. In der Tat sind sich die Kleriker der mitunter schweren Folgen ihrer Unwissenheit nicht im Geringsten bewusst. Dazu muss man jedoch sagen, dass das magische Potential der modernen Kleriker meist nur minimal entwickelt ist und die Rituale daher so gut wie keine Wirkung haben, ausser eine leicht gehobene Stimmung bei den Teilnehmern zu bewirken, was aber oftmals eher der Musik und dem Weihrauch zuzuschreiben ist als der eigentlichen Ritualhandlung. Dennoch können derartige Rituale, auch wenn sie sehr amateurhaft durchgeführt sind, die Psyche beeinflussen und Wirkungen hinterlassen, wenn auch weit schwächer als bei einem "richtigen" Ritual bei dem Ritualleiter (Priester) und Teilnehmer die Symbolik der Handlung verstehen, sich darauf einlassen und vor allem, magisch geschult sind und daher viel mächtigere Gedanken und damit mächtigere Wirkungen hervorrufen können die sich mitunter sogar stofflich manifestieren.

 

Während viele moderne Priester ohne es zu Wissen auch Magier sind, sind sich auch nur wenige modernen Magier durchaus bewusst, dass sie eigentlich auch Priester sind. In den meisten Magierichtungen wird mit einem oder mehreren Gottesbegriffen gearbeitet, was ja auch jeder Religion zu eigen ist. Auch hat jedes magische System eine eigene Weltanschauung, in der Mensch, Tier, Pflanze und ein oder mehrere göttliche Wesen eine klare Stellung haben, wie auch in jeder Religion. Allerdings kennt jedes magische System (wie auch jede Religion) ganz klar EINEN Schöpfergott. Inwieweit dieser noch in der Schöpfung tätig ist, welche Rolle ihm in der Magie zukommt und ob er verehrt oder nur zur Kenntnis genommen wird, ist dabei ganz unterschiedlich. Ich möchte als Beispiel einige dieser "Hauptgötter" aufzählen:

Ägypten: Ra, der Schöpfer und Sonnengott aus dem die anderen Götter entstanden.

Griechenland: Gaia, die Urmutter der Titanen, aus denen wieder rum die Götter entstanden.

Germanen: Fimbultyr, "Allvater" "Der Allmächtige" "Der Allwissende, den kein Auge je gesehn"

Indien: Vishnu, der Schöpfer (Brahman der Erhalter, Shiva der Zerstörer - eine andere Form der heiligen Dreifaltigkeit)

Christentum: "Gott" (auch wenn Engel und heilige verehrt werden wie in polytheistischen Religionen die verschiedenen Götter)

Magische Systeme halten sich aus praktischen Gründen meist an die Götterwelt der Kultur in der sich der praktizierende Magier befindet. Eine "rein" magische Anschauung gibt es aufgrund der früheren Überschneidung von Religion und Magie nicht, auch wenn die magischen Ansichten oftmals wesentlich detailreicher und schlüssiger sind als die religiösen Formen.

 

Die Magie teilt weitere Eigenschaften mit den Religionen:

1. Ist der Glaube eine Grundvorraussetzung und eine sehr wichtige Eigenschaft von der die praktische Arbeit entscheidend abhängt und damit auch das gelingen / misslingen von Operationen.

2. Wird eine Charakterveredelung angestrebt. In der Religion durch moralische und ethische Gebote und Verbote, in der Magie durch klare Selbstanalyse mit entfernen nicht wünschenswerter Eigenschaften durch klar strukturierte Übungen, Selbstdisziplin, Bewusstseinserweiterung  und Willenskraft.

3. Beide Systeme beschäftigen sich mit "Nichtweltlichen" Dingen, die allerdings in der "Welt" ganz praktische und konkrete Ergebnisse liefern.

4. Beide Systeme klären die Frage des Lebens nach dem Tod und zielen auf Belohnungen / Ergebnisse im Jenseits ab und betrachten das Diesseits vor allem als Mittel zum Zweck, als eine Art Lerneinrichtung oder Prüfung. In den Religionen wird meist ein Paradies oder eine Hölle versprochen, in der Magie Selbstbestimmung.

5. Werden Rituale (sowohl allein als auch in Gruppen) durchgeführt mit diversen Zielen und einem, dem Ziel entsprechenden Ritualablauf.

6. Werden trotz dem Selbstbezug die Mitmenschen nicht vergessen.

etc.

 

 

vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit

- David